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Alt 14.01.2013, 07:27   #79
pibach
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Bin gerade zurück aus Hamata. Wie üblich merkt man von den politischen Vorgängen vor Ort nichts, es wird wie gehabt über (fehlenden) Wind, Material und Kitetechnik gedummschwätzt.
Einzig der Touryguide, studierter Touristiker mit fließenden Deutschkenntnissen vom kairoer Goethe-Institut, war greifbar, auf der 100km langen Rückfahr nach Mara Alam mal etwas über Politik zu plaudert. Wie wohl die meisten jüngeren und liberaleren Ägypter war er gegen Mursi und gegen die verabschiedete Verfassung. Die hatte er auf Nachfrage aber gar nicht gelesen und auch Sinn und Zweck einer Verfassung nicht verstanden, wohl symptomatisch.

Interessanter Weise war er Christ, durch die Wahlen hätte es diesbezüglich keinerlei Änderungen gegeben. Es scheint also weiterhin ein vornehmlich friedliches und tolerantes Miteinander zwischend den überwiegenden Moslems und den ca 10% Kopten zu geben. Auch der Artikel 2 mit der Scharia störte ihn garnicht (bei Ihm nur Verwunderung über die Frage) Kritik bezog sich lediglich auf Arbeitslosigkeit (die liegt bei ca 5%) etc, also wirtschaftliche Fragen.

Wesentliche Änderung für die Bevölkerung nach Mubaraks Abgang scheint der Rückgang im Tourismusgewerbe zu sein, also eher indirekte Auswirkungen der Revolution. Auch sonst ist mein Eindruck, dass die Ägypter sich nicht so unbedingt für Politik und auch religiöse Fragen interessieren. Interessant war noch, dass selbst dieser studierte und sehr aufgeklärte Ägypter (nur) als Touristenführer arbeitet, damit in der Mittelschicht liegt, bei ca 200 EUR Monatsverdinste, zzgl. Zimmer in einer Wohngemeinshcaft in Marsa Alam, die vom Arbeitgeber gestellt wird. Die Kiteboys in Hamata verdienen übrigens 130,- EUR im Monat. Während die Stationsbetreiber - allen voran der Investor aus EL Gouna, dem das alles zu gehören scheint, sich angesichts der Preise und umfänglichen Gemelkes der Kiteklientel offensichtlich dusselig verdienen. Dazu gehört neben El Gouna und dem Kite Power Center das KiteVillage sowie auch der Transfer, das Fishrestaurant uvm. Wobei man sich fragt, ob ohne ihn bzw. solche Privatinvestoren nicht vielleicht alles brach liegen würde. Aber schon komisch, warum dort erst ein Inverstor aus El Gouna sowie eine Truppe von Deutschen bzw. Östereichischen und Schweizer Kitelehrern sich zusammentun müssen, um dieses Kiteparadies aufzubauen. Die Lokals aus Marsa Alam oder Luxor scheinen dazu keineswegs in der Lage zu sein oder nur ansatzweise eine Idee dafür zu entwickeln.

Das Problem in Ägypten ist imho weder Mursi noch die Verfassung, das ist alles Makulatur. Es ist die Art der Vernetzung, einiger weniger, die über Vetternwirtschaft die ägyptische Wirtschaft kontrollieren und andere ausgrenzen. Die meisten Ägypter, selbst studierte, haben dazu keinen Zugang, es gibt praktische keine soziale Mobilität. Die Touristen als wesentliche Geldbringer werden in Anlagen weggesperrt, es gibt kaum Austausch, die Frauen warten auf ihre am Roten Meer arbeitenden Männer im Niltal. Religösität scheint in diesem verblockten System den einzigen Halt zu geben.

Achso, hab noch mit einigen gesprochen, die eine Nilfahrt gebucht hatten, auch die konnten von keinerlei Aufälligkeiten hinsichtlich irgendwelcher Unruhen berichten.

Neben den durchgängig sehr freundlichen Begegnungen (in Südägypten ist es auch noch halbwegs ursprünglich) bin ich dann noch mit einem sehr unfreundlichen Ägypter am Flughafen in Marsa Alam zusammengerasselt (da ist bereits eine riesen Hektik und unangenehme Stimmung). Zum Glück kann ich ihn mit etwas Arabisch zurechtweisen, dann kriegt er einen ziemlichen Schreck und die Sache ist normalerweise erledigt und alles läuft. Aber da kann ich mir schon vorstellen, dass einige Urlauber keine Lust mehr auf Ägypten haben. Sowas ist aber die Ausnahme.

Noch was: Pizza Hut am Flughafen Marsa Alam nimmt für die billigste Pizza in Medium Größe tatsächlich 9,- EUR. Ist nur ein weiteres Beispiel für das System, in dem gemolken und ausgesperrt wird.

Geändert von pibach (14.01.2013 um 07:43 Uhr).
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